Produktentwicklung auf die schlanke Art

Wie viele von den Funktionalitäten, die wir in Software einbauen, bringt unseren Anwendern wirklich einen Nutzen? Zu häufig wird diese Frage gar nicht gestellt. Woran liegt das?
Häufig scheint die Überzeugung zu sein, das viel auch viel hilft. Eine endlose Feature-Liste erscheint attraktiv. Genauer betrachtet stellen Features, die den Anwendern keinen echten Mehrwert liefern, eher einen Kostenpunkt dar. Sie müssen gewartet werden und erhöhen die Komplexität einer Software-Anwendung sowohl für die Anwender, als auch die Betreiber.

Der überzeugte Lean Startup-Anwender und Buchautor Ash Maurya berichtet in einem Blogpost darüber, wie er selbst vorgeht, um nur Features in seiner Software bereitzustellen, die auch wirklich einen Nutzen für einen Großteil der Anwender erzielen.

Sein „Framework“ hierfür besteht aus mehreren Elementen. Zu jeder Zeit wählt er einen zentralen Zielwert, der angestrebt werden soll. Beispielsweise die Quote von Neu-Anwendern, die für eine dauerhafte Nutzung der Software aktiviert werden kann. Zu jeder Zeit gibt es nur eine zentrale Zielsetzung, die mit den Feature-Entwicklungsbemühungen erreicht werden soll.

Auf dem Weg von Entwicklung bis dauerhafter Aufnahme einer Funktionalität in den Produktumfang durchläuft sie vier zentrale Schritte.
Die erste Stufe beginnt mit der Priorisierung des Backlogs. Da es einen zentralen Zielwert gibt, kann die Priorisierung nach dem Beitrag für diesen Zielwert, im Verhältnis zu den für die Realisierung anfallenden Kosten, erstellt werden.
Wenn die Priorisierung geklärt ist, wird als nächstes das Top-Item genommen und durch Kunden-Interviews abgeklärt, wo genau das dahinter liegende Problem liegt. Es geht an dieser Stelle nicht darum, was die Kunden wünschen. Vielmehr geht es darum, warum sie etwas wünschen. Ausgehend von den Rückmeldungen der Kunden wird dann entschieden, ob etwas gemacht wird oder der Feature-Wunsch verworfen wird.

In der zweiten Stufe wird dann entschieden, wie das Feature umgesetzt werden soll. Es werfen hierfür erste Screens gestaltet und dann mit den Kunden, die auch interviewed wurden, dazu befragt. Es werden dann üblicherweise mehrere Iterationen durchlaufen, bevor eine Umsetzung angedacht wird.

Die Funktionalität wird dann in einem Continous Deployment-Prozess realisiert. Mit Hilfe eines Feature Flipper Systems kann dafür gesorgt werden, dass die Features auf das Live-System eingespielt werden, ohne dass sie den Anwendern zugänglich sind, bis sie fertig sind. Nach Fertigstellung wird die Funktionalität einer selektierten Kundengruppe zur Verfügung gestellt und von denen ein qualitatives Feedback eingeholt. Wenn dabei Fehler auftreten oder das Feedback negativ ausfällt, können noch vor einem größeren Roll-out Korrekturen vorgenommen werden.

Es folgt die vierte Stufe, wenn das qualitative Feedback zufriedenstellend war bzw. Nachbesserungen erfolgt sind. Die Funktionalität wird allen Anwendern zur Verfügung gestellt und quantitative Metriken gesammelt. Während die Messungen laufen, wird mit der Arbeit an der nächsten Funktionalität gestartet, denn meist dauert die Erhebung der metriken etwas. Dann folgt eine Auswertung der Zahlen.
Die Kombination von qualitativem Feedback und quantitativen Metriken sorgt für eine gute Entscheidungsgrundlage. Nur, wenn die Funktionalität sich als förderlich für den zentralen Zielwert herausstellt, wird es dauerhaft in der Anwendung belassen. Ansonsten fliegt es konsequent raus.

Die folgende Präsentation stellt das Vorgehen von Ash Maurya dar:

How We Build Features

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TIPPS UND TRICKS ZUM PRODUKTMANAGEMENT VON INTERNETANWENDUNGEN
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Tipps zur Priorisierung des Product Backlogs von Mike Cohn

Product Backlog PriorisierungEine echte Perle zum Thema Priorisierung des Product Backlogs habe ich kürzlich bei Axel Heinz gefunden. Es handelt sich dabei um einen Vortrag von Mike Cohn (ich habe hier schon über sein Buch „User Stories Applied“ geschrieben). In diesem Vortrag stellt er nach einer Einführung in das Thema und dessen Bedeutung die vier Ansätze für die Priorisierung des Backlogs vor: Kano-Analyse, Theme-Screening, Theme-Scoring und relative Gewichtung.

Die Bedeutung guter Backlog-Pflege

Mike Cohn betont zunächst noch einmal die Bedeutung der Pflege des Backlogs. Er konnte in der Praxis zahlreiche Teams beobachten und die richtig guten Teams zeichneten sich alle dadurch aus, dass sie rund 10% ihrer Zeit in die Pflege des Product Backlogs stecken und diesen aktiv pflegen.
Das Stichwort lautet hier Backlog Grooming und kann zum Beispiel in Form von Workshops mit dem ganzen Team erfolgen.
Mike Cohn betont, dass es für Entscheidungen in der Backlog Priorisierung immer eine solide Grundlage geben sollte, wie etwa die Ergebnisse von Umfragen, aus Statistiken oder ähnliches. Statistisch signifikant braucht es für ihn nicht zu sein, aber z.B. das Feedback von 20-30 Anwendern im Rahmen einer Umfrage kann schon viel aussagen.
Nun aber zu den vier Maßnahmen, die er im folgenden vorstellt.

Kano-Analyse

Bei der Kano-Analyse wird eine Befragung von Anwendern durchgeführt, durch die eine Klassifizierung von Funktionalitäten in verschiedene Kategorien möglich ist:

  • Basisfaktoren: Basisfaktoren werden von den Anwendern als selbstverständlich vorausgesetzt. Werden sie erfüllt, entsteht keine Zufriedenheit, bei Nichterfüllung entsteht jedoch Unzufriedenheit.
  • Leistungsfaktoren: Diese wirken linear und ein mehr von dieser Funktionalität führt zu mehr Zufriedenheit der Anwender.
  • Begeisterungsfaktoren: Begeisterungsfaktoren werden vom Anwender so nicht erwartet, sie überraschen ihn positiv. Als Beispiel nennt Mike Cohn einen Dosenhalter im Auto, den seine Frau spitze fand, der 1993 noch keineswegs selbstverständlich war. So etwas kann sogar das „Zünglein an der Waage“ für eine Kaufentscheidung sein.

Manchmal ist es gerechtfertigt, darüber Schätzungen abzugeben, in welche Kategorie eine Funktionalität fällt. Noch sinnvoller ist meist jedoch die Befragung einer kleinen Gruppe von Anwendern, etwa 20-30 Stück.
Als Tipp für die Einplanung in das Produkt schlägt er vor, dass alle Basisfaktoren integriert werden, da sonst mit Unzufriedenheit gerechnet werden muss. Darüber hinaus sollten einige lineare Funktionalitäten und wenigstens ein paar Begeisterungsfaktoren eingeplant werden.

Weitere Informationsquellen für das Kano-Modell:

Theme-Screening

Das Vorgehen beim Theme-Screening erfolgt mit den folgenden Schritten:

  1. Identifiziere als erstes die Faktoren, die für die Priorisierung als Kriterien für das nächste Release herangezogen werden sollen. Zum Beispiel die Bedeutung für die bestehenden Anwender oder die Generierung von Umsatz. Diese Kriterien werden als Reihen in eine Tabelle eingetragen. Es sollten etwa 5-9 Kriterien sein.
  2. Nach der Festlegung der Priorisierungskriterien wird ein „baseline theme“ gewählt. Eine Story oder ein Theme, die im weiteren Vergleich als Basis für die relative Bewertung genutzt wird. Dafür eignen sich solche, die wahrscheinlich in das nächste Release aufgenommen werden und das allen Teammitgliedern vertraut und verständlich ist. Es sollte aber nicht das wichtigste Theme sein, da in diesem Fall alle weiteren Themes im Verhältnis schlechter abschneiden würden. Das gilt also analog zu Referenz-Stories beim relativen Beschätzen des Product Backlogs, wo meist eine mittelgroße oder eine eher kleinere Story als Vergleich genutzt wird.
  3. Alle Themes oder Stories, die zur Auswahl stehen, werden nun im Vergleich zum „baseline theme“ nach allen Kriterien bewertet. Für die schlechter abschneidenden Themes wird jeweils ein – eingetragen, für die besser abschneidenden ein + und für die gleich zu bewertenden Themes eine Null.

Mike Cohn stellt auf seiner Website sogar ein kleines Tool zum Theme-Screening bereit, das auch schnell das Vorgehen beim Theme-Screening verdeutlicht.

Weitere Informationsquellen für das Theme-Screening:

Theme-Scoring

Theme-Scoring ist dem Theme-Screening sehr ähnlich. Auch hier geht es darum, verschiedene Themes gegeneinander abzuwägen. Als erstes werden auch hier die verschiedenen Kriterien zusammengestellt, nach denen die Bewertung erfolgen soll. Dann ist eine Bewertung der Kriterien erforderlich. Dafür erhalten sie einen Prozentwert, der sich zu 100% aufsummiert.

Als nächstes werden wieder alle Themes nebeneinander gestellt. Dann wird die Erfüllung der Kriterien für alle Themes bewertet auf einer Skala von 1-5, wobei 1 für eine schlechte Erfüllung des Kriteriums und 5 für eine gute Erfüllung des Kriteriums steht. Dabei ist es hilfreich, als erstes für alle Kriterien ein Basis-Theme festzulegen, dass eine Bewertung von 3 erhält. Somit lassen sich die anderen Themes leichter im Verhältnis zum jeweiligen Basis-Theme bewerten.

Mike Cohn stellt auf seiner Website auch ein kleines Tool zum Theme-Scoring bereit.

relative Gewichtung

Die relative Gewichtung („relative weighting“) ist ein Priorisierungsansatz, bei dem sowohl die positive Auswirkung der Präsenz eines Features als auch die negative Auswirkung der Abwesenheit eines Features in die Beurteilung einbezogen wird. Für jede Funktionalität wird eine bewertung von 0 (gering) bis 9 (hoch) vorgenommen.

Die Themes werden dabei in die Reihen einer Tabelle eingetragen. Dann wird jeweils eine Bewertung für den Nutzen der Funktion bei Bestehen und der Strafe bei Abwesenheit hinterlegt. Zusätzlich wird noch ein Wert für den geschätzten Aufwand, etwa in Story Points oder auch einem Euro-Betrag, hinterlegt. Es werden also in diesem Fall die Kosten einer Funktionalität explizit mit berücksichtigt.
Es wird dann geschaut, welchen Anteil am Gesamtnutzen und welchen Anteil an den Gesamtkosten eine bestimmte Funktionalität hat. Diese beiden Werte werden durcheinander geteilt und es ergibt sich eine Priorisierungskennzahl.

Anteil am Gesamtnutzen Anteil an den Gesamtkosten Priorisierung
57% 67% 0.85
43% 33% 1.30

Das als zweites in diesem Fall aufgeführte Feature bringt zwar einen geringeren Nutzen, ist aber ein ganzes Stück günstiger. Dadurch ist der Return on Investment (ROI) von letzterem größer.

Auf der Website Mike Cohn gibt es auch zur relativen Gewichtung ein kleines Tool.

Links zum Vortrag von Mike Cohn

Der Vortrag von Mike Cohn
Folien von Mike Cohn (PDF)

An dieser Stelle möchte ich auch noch auf eine Excel-Vorlage für die Product Backlog Priorisierung von Michael Romer hinweisen.

Foto: peterstev
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Englische Version des Artikels

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